07.08.2026

Soft Architecture in Tallinn

Wie aus einem Wohnquartier wieder Nachbarschaft werden kann
Ein Interview mit dem Stadtplaner und Architekten Ola Gustafsson zur „Soft Academy“ in Tallinn.
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Was geschieht, wenn der Raum zwischen den Gebäuden zwar allen gehört, sich im Alltag aber von kaum jemandem wirklich nutzen lässt? Das vom Stadtplanungsbüro „Think Softer“ in Tallinn initiierte Projekt „Soft Academy“ geht der Frage nach, wie Freiräume in großen Wohnsiedlungen so verändert werden können, dass dort wieder Nachbarschaft entstehen kann.

Früher war man häufiger zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs und dadurch mehr im Alltag des Quartiers präsent.
Ola Gustafsson,
Stadtplaner und Architekt bei „Think Softer“
Es gibt große, leerstehende Rasenflächen, für die sich niemand verantwortlich fühlt. Genau hier wollen Ola Gustafsson und sein Team ansetzen.
Foto:
Think Softer

Herr Gustafsson, können Sie das Projekt „Soft Architecture“ kurz vorstellen?

Das Projekt in Tallinn war für uns in mehrfacher Hinsicht besonders. Zum einen, weil es im Rahmen der „European Urban Initiative“ als EU-Projekt organisiert war – also mit vielen Partnern, viel Abstimmung und einer komplexen Struktur. Zum anderen aber vor allem wegen des Ortes selbst.

Denn gearbeitet haben wir nicht in einem klassischen innerstädtischen Quartier mit Erdgeschosszonen, Cafés und klar gefassten Straßenräumen, sondern in einer großen Wohnsiedlung. Und genau das war entscheidend. Viele Diskussionen über lebenswerte Städte kreisen um historische Zentren oder dichte Altbauquartiere. Die meisten Menschen leben aber nicht dort. Sie leben in Einfamilienhausgebieten oder in großen Wohnanlagen aus der Nachkriegszeit. So ein Ort war auch das Projektgebiet in Tallinn.

Es ging also nicht um die Verschönerung eines ohnehin attraktiven Stadtteils, sondern um ein Quartier, in dem viele Menschen leben, das aber kaum gemeinschaftliche Räume bietet. Genau dort stellte sich die Frage: Wie lassen sich Sanierung, Alltag und Nachbarschaft zusammen denken?

Was war die Ausgangslage im Quartier?

Die Siedlung in Tallinn ist stark von der Moderne und vom sozialistischen Städtebau geprägt. Die Gebäude stehen frei im Raum, dazwischen liegen große offene Flächen. Was auf dem Plan zunächst großzügig wirkt, funktioniert im Alltag oft erstaunlich schlecht.

Das hat auch mit der Eigentumsstruktur zu tun. Zu Sowjetzeiten gehörten die Wohnungen dem Staat. Nach dem politischen Umbruch wurde in Estland fast alles privatisiert. Heute gehören die Wohnungen einzelnen Eigentümer*innen. Direkt außerhalb der Gebäude beginnt jedoch der öffentliche Raum, der der Stadt gehört. Es gibt kaum Übergänge, keine halböffentlichen Zonen, keine Schwellen zwischen Wohnung und Stadtraum.

Die ursprüngliche Idee dahinter war, dass dieser Raum für alle da sein sollte. In der Realität fühlt er sich aber oft so an, als gehöre er niemandem. Es gibt kaum Orte, an denen man Nachbar*innen trifft, kurz stehen bleibt oder sich selbstverständlich aufhält.

Ein gut funktionierendes Wohnumfeld besteht meist aus mehreren Ebenen von Gemeinschaft: dem direkten Hauseingang, an dem man Gesichter kennt und sich grüßt, und größeren gemeinschaftlichen Bereichen wie einem Hof, in dem Kinder spielen oder Menschen sich begegnen. Solche Räume fehlen aber in diesem Teil von Tallinn weitgehend.

Früher waren Menschen häufiger zu Fuß unterwegs, heute führt der Weg direkt vom Auto zur Haustür und rauf in die Wohnung – häufig ohne jeglichen menschlichen Kontakt.
Foto:
Think Softer
Was sind die Möglichkeiten, was bringt der Ort bereits mit und wo können wir ansetzen? Um diese und zahlreiche weitere Fragen beantworten zu können, sprach Ola Gustafsson immer wieder mit den Bewohner*innen vor Ort.
Foto:
Think Softer

Vor welchen Herausforderungen stehen solche Siedlungen heute?

Zu dieser räumlichen Struktur kommen soziale und politische Bedingungen. Das Quartier liegt in einem Gebiet mit vielen russischsprachigen Bewohner*innen. Viele Familien leben seit Generationen in Estland, sprechen aber kaum Estnisch und bewegen sich in eigenen sozialen Strukturen. Auch das verstärkt Distanz.

Außerdem besitzen heute viele Menschen ein Auto. Früher war man häufiger zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs und dadurch mehr im Alltag des Quartiers präsent. So entstanden Gelegenheiten für beiläufige Begegnungen, die heute kaum noch möglich sind.

Gerade deshalb war das Quartier für uns interessant. Denn hier wurde sehr deutlich, dass es nicht reicht, nur Gebäude technisch zu sanieren. Wenn der Raum dazwischen ungenutzt, anonym oder konflikthaft bleibt, entsteht noch lange keine Nachbarschaft.

Worum ging es im Projekt konkret?

Im Kern ging es zunächst um die Sanierung der Gebäude. Aber schnell war klar, dass eine rein technische Lösung zu kurz greifen würde. Natürlich ist Energieeffizienz wichtig. Aber die Heizkostenersparnis allein überzeugt Menschen nicht – vor allem nicht dort, wo es kaum gemeinschaftliche Strukturen gibt.

Deshalb wollten wir die Sanierung mit einer Aufwertung des Wohnumfelds verbinden. Die Bewohner*innen sollten nicht nur informiert, sondern stärker beteiligt werden. Gleichzeitig sollte der Außenraum mitgedacht werden: als Ort, der mehr sein kann als Abstandsfläche, Parkplatz oder Restfläche.

Das Ziel war also nicht nur, Gebäude energetisch zu verbessern, sondern auch die Frage zu stellen, wie in einem solchen Quartier wieder mehr Zugehörigkeit entstehen kann.

In Tallinn brauchte es sehr viel Überzeugungsarbeit, um die Bewohner*innen abzuholen. Dazu trugen Gespräche und niedrigschwellige Zusammenkünfte bei Events in der „Soft Box“ bei.
Foto:
Think Softer
Auch andere Mitglieder von „Think Softer“ wie David Sim (links) waren häufig in Tallinn zu Besuch. Hauptansprechpartner vor Ort war aber Mattias Malk. Er spricht Estnisch und Russisch und stand den Bewohner*innen mit seiner Sprach- und Kulturkenntnis zur Verfügung.
Foto:
Think Softer

Wie sind Sie mit den Bewohner*innen ins Gespräch gekommen?

Wir selbst waren nicht dauerhaft vor Ort. Diese Rolle hat unser estnischer Kollege Matthias Malkübernommen, der sowohl Estnisch als auch Russisch spricht. Er war im Quartier präsent, hat Gespräche geführt, Treffen organisiert und überhaupt erst einmal Kontakt hergestellt.

Ein wichtiges Element war dabei die sogenannte „Soft Box“ – ein einfacher Container, der in einem der Höfe aufgestellt wurde. Diese Höfe wurden vorher fast nur als Parkflächen genutzt. Mit dem Container entstand zum ersten Mal ein sichtbarer Ort für Austausch, Treffen und gemeinsame Aktivitäten.

Das klingt zunächst unspektakulär, war aber wichtig. Denn bevor man über größere Veränderungen spricht, braucht es oft erst einmal einen konkreten Ankerpunkt im Raum. Einen Ort, an dem sichtbar wird: Hier passiert etwas. Hier kann man Fragen stellen. Hier wird nicht nur über die Bewohner*innen gesprochen, sondern mit ihnen. Aus meiner Sicht hat das geholfen, das anfangs vorhandene Misstrauen zu verringern und Distanz abzubauen.

Wo konnten die Bewohner*innen mitgestalten?

Die Sanierung der Gebäude selbst ist stark technisch geprägt. Da geht es um Dämmung, Fassadensysteme, Energiekennzahlen und Kosten. Doch auch dort gab es Beteiligung, etwa bei gestalterischen Fragen rund um die Fassaden. Wirklich greifbar wurde die Beteiligung aber in den Höfen. Gemeinsam mit einer Landschaftsarchitektin wurden Workshops organisiert, in denen die Bewohner*innen über die Zukunft dieser Flächen sprechen konnten.

Die erste Reaktion war oft sehr direkt: Der Hof ist zum Parken da. Mehr nicht. Das war wenig überraschend. Gerade bei solchen Beteiligungsformaten kommen oft diejenigen, denen der Stellplatz vor der Haustür besonders wichtig ist. Andere Perspektiven, von Familien, Kindern oder älteren Menschen, sind meist weniger präsent.

Deshalb ging es zunächst nicht darum, das Auto gegen alles andere auszuspielen, sondern den Blick zu öffnen: Könnte es hier auch Spielmöglichkeiten geben? Sitzplätze? Orte für ältere Menschen? Mehr Grün? Ein Hof, in dem man nicht nur parkt, sondern sich auch aufhalten kann? Aus diesen Gesprächen ist ein Entwurf für die Umgestaltung der Höfe entstanden. Die Umsetzung soll schrittweise erfolgen.

Neben Gesprächen über ein neues Konzept für die Freiflächen der Nachbarschaft hatte die „Soft Box“ einen weiteren großen Vorteil: Sie brachte die Menschen vor Ort wieder häufiger zusammen.
Foto:
Think Softer
Auch die kleinen Bewohner*innen sollten sich an der Umgestaltung beteiligen können. Auf dem Bild ist ihre Version einer guten Nachbarschaft zu sehen.
Foto: Think softer

Was war schwierig – und was ist trotzdem gelungen?

Wichtig ist mir, dieses Projekt nicht als Erfolgsgeschichte mit Happy End zu erzählen. So funktioniert Stadtentwicklung in der Realität nicht. Es gab und gibt Widerstände. Menschen sind skeptisch. Politische Rahmenbedingungen ändern sich. In Tallinn kam hinzu, dass sich die Stadtregierung verändert hat und Themen wie Nachhaltigkeit und Energieeffizienz plötzlich viel schwieriger zu vermitteln waren als zuvor.

Auch banale Konflikte haben eine Rolle gespielt. Ein einzelner Bewohner eines Nachbargebäudes hat den Bauantrag für die Höfe verzögert, weil er grundsätzlich gegen alles protestiert. Solche Situationen klingen harmlos, können Projekte aber aufhalten.

Trotzdem hat sich etwas bewegt. Es gibt jetzt einen konkreten Entwurf für die Höfe. Vor allem aber ist es gelungen, Gespräche anzustoßen und die Schwelle für Beteiligung zu senken. Das ist in so einem Kontext schon viel.

Was nehmen Sie aus dem Projekt mit?

Das Projekt ist noch nicht abgeschlossen, deshalb sind auch die Lehren daraus noch nicht vollständig formuliert. Aber schon jetzt zeigt sich: Gerade schwierige Projekte sind oft die lehrreichsten.

Wir von „Think Softer“ arbeiten in sehr unterschiedlichen Ländern und Kontexten. Daraus entsteht keine allgemeingültige Methode, aber mit der Zeit eine Art Werkzeugkasten. Man lernt, wann es sinnvoll ist, etwas zu zeigen, wann man besser zuhört, wann ein kleiner Test vor Ort mehr bringt als ein fertiger Masterplan.

Tallinn ist in diesem Sinn kein Modellprojekt, das sich einfach kopieren ließe. Aber es macht deutlich, worauf es in vielen Bestandsquartieren in Europa in Zukunft ankommen wird: nicht nur auf Sanierung, sondern wie aus anonymem Freiraum wieder ein bewohnbares Umfeld entsteht.

Und vielleicht ist das die eigentliche Qualität des Projekts. Es bietet keine perfekte Lösung. Aber es zeigt, wie mühsam, langsam und zugleich wichtig es ist, Gemeinschaft überhaupt wieder möglich zu machen.

Ola Gustafsson, Ewa Westermark, Nina Otrén und David Sim sind Teil von „Think Softer“. Das Büro verfolgt das Ziel, wirklich menschengerechte Umgebungen für einen angenehmen Alltag für alle zu schaffen.
Foto:
Think Softer

BIOGRAFIE

Ola Gustafsson ist Architekt, Partner & CEO von Think Softer, Schweden. Als Teamleiter bei Gehl in Kopenhagen war er für Strategie- und Designteams in komplexen Stadtentwicklungsprojekten auf der ganzen Welt verantwortlich. Dabei trug er zur Weiterentwicklung von Gehl im Bereich menschenzentrierter Planung und Gestaltung bei. 2023 gründete er gemeinsam mit David Sim und Nina Otrén „Think Softer“. Die Gestaltungsphilosophie des Büros basiert auf David Sims Publikation „Soft City“ über die Bedeutung des „kleinen, einfachen, langsamen und niedrigen Denkens“. Ziel ist es, wirklich menschengerechte Umgebungen für einen angenehmen Alltag für alle zu schaffen.

Rubrik
Projekte
Thema
# Design # Gesellschaft # Stadtgrün

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