Soft Architecture: Städteplanung auf Augenhöhe
Herr Gustafsson, können Sie den Ansatz von „Soft Architecture“ vorstellen und erläutern?
„Soft Architecture“ oder „Soft Planning“ ist eine Herangehensweise an die Stadtplanung, die auf etwas reagiert, das der menschlichen Psychologie oder sogar der menschlichen Natur innewohnt. Sie kennen wahrscheinlich den Song von Daft Punk: „Harder, Better, Faster, Stronger“. Wir Menschen neigen dazu, Dinge auf diese Weise anzugehen. Gerade in der Stadtplanung und der Architekturgestaltung besteht häufig der Wunsch, Dinge größer zu gestalten, um in der Welt Spuren zu hinterlassen.
Leider steht das im Widerspruch zu dem, was wir als Menschen um uns herum genießen, und zu der Art von Umgebung, in der wir uns gerne aufhalten. Typischerweise ist die Umgebung, in der wir uns wohlfühlen, eine, die unsere Sinne anspricht. Im Verhältnis zu Städten, der Welt und allem um uns herum sind wir Menschen ziemlich klein und bewegen uns eher langsam.
Wie können Stadtplaner menschliche Maßstäbe in ihrer Planung berücksichtigen?
Ausgangspunkt ist das Erlebnis auf Augenhöhe: Wir Menschen konzentrieren uns vor allem auf die ersten drei Meter Höhe innerhalb des städtischen Raums. Wir schauen nicht unbedingt auf die Wolkenkratzer oder Dinge am Himmel. Wir konzentrieren uns auf den Boden, auf dem wir uns befinden.
Ladenbesitzer*innen machen sich diese menschliche Eigenschaft bei der Gestaltung ihrer Ladenfronten zunutze. Bei diesen psychologischen Mechanismen setzen wir an, um Städte so zu gestalten, dass sie unsere menschlichen Sinne und unseren Körper ansprechen, uns ein gutes Gefühl und im besten Fall auch eine hohe Lebensqualität verschaffen.
Außerdem sind städtische Flächen oft ein Ort, an dem wir uns nach wie vor begegnen müssen – trotz all unserer Unterschiede. Dieses Angebot, das die Städte den Menschen bereitstellen, ist meiner Meinung nach entscheidend: Orte der Begegnung zu schaffen, um soziale Kontakte zu knüpfen, die Isolation zu vermeiden, die viele Menschen heute empfinden. Dies zu fördern und ein Umfeld zu schaffen, das Menschen dazu einlädt, diese Orte auch tatsächlich zu nutzen, ist ein zentraler Aspekt der heutigen Stadtplanung.
In der Architektur liegt der Fokus häufig auf dem Gebäude, während Landschaften und Freiflächen nur als nachträglicher Faktor gelten. Woran liegt das?
Ein Gebäude ist irgendwann fertig, die Stadt aber ist ein fortlaufender Prozess. Sie erfordert es, auf verschiedene Trends, gesellschaftliche Entwicklungen und neue Innovationen zu reagieren.
Darüber hinaus stellt der öffentliche Raum die Schnittstelle zwischen verschiedenen Zuständigkeiten und Abteilungen dar. Wenn die Verkehrsabteilung einen guten Busverkehr anbietet, die Umgebung aber unfreundlich oder unzugänglich ist, sobald man von der Bushaltestelle auf die Straße tritt, dann funktioniert das Konzept nicht. Statt solcher Silostrukturen braucht es ganzheitliche Sichtweisen und ein gemeinsames Verantwortungsbewusstsein für das „Projekt Stadt“.
Gibt es dennoch einfache und relativ kostengünstige Maßnahmen, mit denen Städte eine spürbare Verbesserung erreichen können?
Ich bin fest davon überzeugt, dass kleine Veränderungen einen Unterschied machen können. In unseren Projekten setzen wir uns häufig für temporäre Maßnahmen ein. Wichtig ist aber, das mit einer langfristigen Strategie und Vision zu verbinden und nicht nur qualitative Verbesserungen durch kostengünstige, temporäre Maßnahmen zu ersetzen.
Kleine Eingriffe und temporäre Maßnahmen sind gut geeignet, Verhaltensänderungen anzustoßen. Auf diese Weise bereiten sie größere, langfristige Veränderungen vor.
Was sind gute Beispiele für kleine oder temporäre Maßnahmen, die sich zu langfristigen Lösungen entwickelt haben?
Besonders in Dänemark und Schweden gibt es Beispiele, wie kurzfristige Lösungen wirksam und dauerhaft in der Stadt implementiert wurden. Dort sieht man, dass es nicht immer der Hauptplatz einer Stadt sein muss, der verändert wird. Wichtig ist nur, dass es ein Ort ist, an dem sich Menschen ohnehin aufhalten – wie vor einem Supermarkt oder der örtlichen Bibliothek.
Ich erinnere mich zum Beispiel an eine kleine Stadt in Schweden mit etwa 10.000 Einwohner*innen. Ein junges Mädchen beschwerte sich in einem Brief an die Stadt, dass es dort kaum Spielplätze gebe. Die Stadt nahm diese Beschwerde ernst und fügte ein kleines Spielgerät und einige Bepflanzungen auf einem Stadtplatz hinzu. Eine super einfache Maßnahme mit wenigen Kosten. Zusätzlich wurde mit dem örtlichen Schachverein ein Schachspiel eingerichtet und die Stadt ließ dort noch eine kleine Bühne für Veranstaltungen errichten.
Welche Mindestanforderung müssen öffentliche Orte erfüllen, damit Menschen sich dort gerne aufhalten?
Wir orientieren uns dazu an einer weiterentwickelten Version einer Checkliste des bekannten Stadtplaners Jan Gehl. Darin geht es nicht nur um die Messbarkeit der ästhetischen Qualität eines Ortes, sondern auch um Dinge, die dazu beitragen, etwas zu schaffen, wo die Menschen gerne verweilen.
Die Checkliste ist in etwa wie die Maslowsche Bedürfnispyramide aufgebaut. Die Basisebene bilden Sicherheit und Schutz, etwa vor Kriminalität oder auch dem Verkehr. Bei der nächsten Ebene geht es um den Komfort. Dazu gehören Barrierefreiheit, die Erreichbarkeit des Ortes, Sitzmöglichkeiten und Bereiche des Rückzugs. All das sind Aspekte, die den Wunsch wecken, in einem Raum zu verweilen. Und die letzte Ebene behandelt diesen Aspekt des „kleiner, langsamer, einfacher und bescheidener“. Wir Menschen fühlen uns in überdimensionierten Räumen nämlich nicht wohl. Zu dieser Ebene gehören aber auch die weiteren gestalterischen Qualitäten, etwa das Material der Möbel und die Begrünung. Für einen guten Ort, an dem sich Menschen gerne aufhalten, sind alle drei Ebenen notwendig: Schutz, Komfort und Genuss.
Die Gestaltung vieler Städte ist von diesem Ideal weit entfernt. Was gibt Ihnen dennoch Hoffnung für die Zukunft?
Momentan ist es schwierig über den Zustand der Welt nicht depressiv zu werden. Mir persönlich gibt am meisten der Kontakt mit den Menschen vor Ort Hoffnung. In den Gesprächen innerhalb des Projekts steckt jedes Mal aufs Neue so viel Kreativität, Einfallsreichtum, Innovation, Leidenschaft und Kraft. Und genau das gibt mir Kraft.
Meine Hoffnung ist, dass wir abseits der großen Themen solche Momente wieder mehr wahrnehmen können und diese in der heutigen Nachrichtenflut nicht untergehen.
BIOGRAFIE
Ola Gustafsson ist Architekt, Partner & CEO von Think Softer, Schweden. Als Teamleiter bei Gehl in Kopenhagen war er für Strategie- und Designteams in komplexen Stadtentwicklungsprojekten auf der ganzen Welt verantwortlich. Dabei trug er zur Weiterentwicklung von Gehl im Bereich menschenzentrierter Planung und Gestaltung bei. 2023 gründete er gemeinsam mit David Sim und Nina Otrén „Think Softer“. Die Gestaltungsphilosophie des Büros basiert auf David Sims Publikation „Soft City“ über die Bedeutung des „kleinen, einfachen, langsamen und niedrigen Denkens“. Ziel ist es, wirklich menschengerechte Umgebungen für einen angenehmen Alltag für alle zu schaffen.