Hortitecture: Architektur und Pflanzen als gemeinsames System
Frau Grüntuch-Ernst, Sie haben ein Buch zu Hortitecture veröffentlicht. Was verstehen Sie konkret darunter?
Der Begriff Hortitecture beschreibt, wie Architektur und lebende Pflanzen zu einem System komponiert werden können. Er ist zusammengesetzt aus den Worten Architecture und dem lateinischen Wort Hortus, das Garten oder Park bedeutet. Bei Hortitecture geht es nicht darum, Gebäude nachträglich dekorativ zu begrünen, sondern Pflanzen als integralen Bestandteil der Architektur mitzudenken und über die Professionen hinweg zusammenzuarbeiten, um dies möglich zu machen. Denn jedes Gebäude ist nicht nur ein eigenes Ökosystem nach innen, die Gebäudehülle wirkt auch in den Stadtraum hinein. Dunkle Oberflächen tragen zur Erhitzung urbaner Gebiete bei. Versiegelte Flächen verhindern, dass Regenwasser bei Starkregen abfließen kann. Begreift man die Stadt in diesem Sinne als zusammenhängenden Raum, besteht die Chance, mit Nachverdichtung auch eine qualitative Verbesserung zu erreichen.
Wir müssen als Architekt*innen unsere Tätigkeit stärker mit anderen Gewerken vernetzt denken: Landschaftsarchitekt*innen etwa füllen nicht nur die Leerstellen zwischen unseren Bausteinen dekorativ aus.Bei Hortitecture sind Pflanzen Teil des Systems. Das macht es erforderlich, sich mit Substraten, Windlasten, Wasserhaushalt, Pflege und langfristiger Entwicklung auseinanderzusetzen. Es reicht nicht, Pflanzen einfach auf ein Gebäude zu setzen. Nur wenn viele Disziplinen zusammenarbeiten und das nötige Wissen einbringen, entsteht ein ökologischer Mehrwert – alles andere bleibt reine Oberfläche.
Ein Dach als Wald
In der Darwinstraße in Berlin haben Sie mit Ihrem Team von Grüntuch Ernst Architekten ein Bürogebäude geschaffen, mit dem Sie den Hortitecture-Ansatz praktisch umsetzen. Wie sieht das konkret aus?
Das Gebäude ist ein ehemaliges Kraftwerk in Berlin-Charlottenburg, bestehend aus einem 110 Meter langen Baukörper, der die Straße säumt und mit seinem Kopf bis an die Spree reicht. Diese Setzung hat uns sehr stark zur Hinwendung an den Spreeraum inspiriert. Am Gebäudekopf hat man einen 360-Grad-Blick über Berlin, aber auch in die Tiefe des Spreeraums. Lange Zeit wurde der Fluss nur als Transportweg verstanden. Das wollen wir ändern und mit dem Gebäude die Transformation hin zu einem erlebbaren Stadtraum vorantreiben.
Das Bürogebäude hat mehrere Eingänge mit kleinen Lobbys, um unterschiedliche Nutzungseinheiten zu ermöglichen. Gleichzeitig gibt es eine zweite Erschließung: eine offene Treppe, die über die Terrassierung als stufenartiger Garten bis nach oben ansteigt. Diesen Raum konnten wir gemeinsam mit den Landschaftsarchitekten capattistaubach so gestalten, dass der Garten von jeder Gebäudeebene aus zugänglich ist.
Der Dachgarten funktioniert als zeitgemäßer Arbeitsplatz: Mit großen Schiebetüren, Steckdosen und WLAN für die Arbeit am Laptop. Gleichzeitig bietet er Raum für informelle Begegnungen und regenerative Pausen.
Können Sie uns den Außenraum des Gebäudes noch konkreter beschreiben?
Vorbild für das Gebäude und insbesondere den Dachgarten war das „Bosco Verticale“ in Mailand, auf dessen Balkonen sich Bäume in Trögen befinden. Von diesem Gebäude haben wir uns nicht nur optisch inspirieren lassen, auch aus der technischen Umsetzung und Wahl der Pflanzen und Bäume konnten wir viel lernen.
Auf dem 2.200 Quadratmeter großen Dachgarten befinden sich insgesamt fünf Baum- und 35 Pflanzarten, die zusammen ein dichtes Biotop bilden. Damit die Pflanzen auf dem Dach überleben und nicht durch einen Sturm entwurzelt werden und auf die Straße fliegen, berechneten die Statiker Trag- und Windlasten. Die passenden Baumarten waren zuvor in Baumschulen herangezogen und auf ihren Umzug vorbereitet worden, denn sie brauchten für die erfolgreiche Wiederansiedlung einen kompakten Wurzelballen. Die bereits hochgewachsenen Bäume wurden dann vor Ort mit einem Kran auf das Dach gehoben und auf Pflanzstühle gesetzt. Das sind in der Betondecke verankerte Drahtkörbe aus Stahl, in denen sich die wachsenden Wurzeln verankern. Zusätzlich sind einige Bäume durch Stahlträger gegen Sturm gesichert.
Es braucht eine interdisziplinäre Planung
Das klingt nach einem erheblichen planerischen Mehraufwand.
Das war es auch. Wer ein Gebäude wirklich begrünen will und nicht nur dekorativ mit Pflanzen schmücken möchte, der braucht sehr viel Schnittstellenwissen. Wir mussten das Wissen von Architekt*innen und Landschaftsarchitekt*innen zusammenbringen und zusätzlich weiteres Fachwissen integrieren. Ziel war es, das System so wartungsarm und resilient wie möglich zu gestalten.
Außerdem kommt hinzu, dass Pflanzen – im Unterschied zu mineralischen Baustoffen – wachsen und sich über längere Zeiträume verändern. Das erfordert auch eine andere Haltung zum Entwerfen: Statt ein fertiges Gebäude zu schaffen, gibt man mit Hortitecture einen Teil der Kontrolle ab. Architektur ist dann kein abgeschlossener Zustand mehr, sondern ein Prozess. Das verändert auch die eigene Haltung zum Entwerfen.
Welche technischen Herausforderungen mussten gelöst werden?
Das Dach ist mittlerweile häufig der Ort, an dem die gesamte Haustechnik ihren Platz findet. Dort stört sie keinen und der Planungsaufwand hält sich in Grenzen. Wegen des Dachgartens mussten wir aber anders planen und die Haustechnik stattdessen komprimiert im Gebäudevolumen unterbringen.
Stadt und Gebäude im Einklang
Welche Wirkung möchten Sie mit dem Gebäude auf die Stadt erzielen?
Begrünte Flächen tragen zur Abkühlung bei und nehmen Regenwasser auf. So verbessert die Gebäudehülle das urbane Mikroklima. Auch sozial soll die Stadt profitieren. Mit dem öffentlich zugänglichen Dachgarten geben wir ein Stück Raum an die Stadtgesellschaft zurück. Darüber hinaus bietet der Dachgarten auch Tieren einen Mehrwert. Neben zahlreichen Insekten finden Kleintiere wie Füchse und Waschbären ihren Weg auf unser Dach. Im Winter konnten wir bereits mehrfach Pfotenspuren im Schnee finden.
Ist Hortitecture aus Ihrer Sicht nur ein Ansatz für ausgewählte Leuchtturmprojekte – oder lässt sich dieses Denken auch auf den alltäglichen Städtebau übertragen?
Hortitecture ist kein exklusives Konzept für ikonische Einzelprojekte. Natürlich braucht es bei solchen Gebäuden eine hohe Bereitschaft, Neues auszuprobieren. Aber das zugrunde liegende Denken lässt sich sehr wohl übertragen. Entscheidend ist nicht die Größe oder Sichtbarkeit eines Projekts, sondern die Haltung im Entwurf.
Wenn Pflanzen als Teil des architektonischen Systems verstanden werden, stellt man automatisch andere Fragen: zur Gebäudehülle, zum Wasserhaushalt, zur langfristigen Entwicklung. Das kann auch im kleineren Maßstab stattfinden. Wichtig ist, frühzeitig interdisziplinär zu arbeiten und Begrünung nicht als Add-on zu begreifen. Hortitecture bedeutet nicht zwangsläufig mehr Aufwand, sondern vor allem ein anderes Planen.
BIOGRAFIE
Almut Grüntuch-Ernst ist Architektin, Professorin und Mitglied der Akademie der Künste Berlin. Gemeinsam mit Armand Grüntuch gründete sie 1991 das Berliner Büro Grüntuch Ernst Architekten. Ihre Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von Architektur, Stadt und Landschaft und setzt sich mit der Frage auseinander, wie Gebäude als Teil urbaner Ökosysteme wirksam werden können. Neben ihrer architektonischen Praxis lehrt sie an der Technischen Universität Braunschweig und engagiert sich in Forschung, Lehre und Diskurs zu zeitgenössischer Architektur und Stadtentwicklung. Zudem publizierte sie das Buch „Hortitecture“.